Veranstaltung 04.02.2013

Beteiligte:

Harry Walter
Hellmut G. Haasis
Antje Jetzky und Ulrich Wedlich
Sylvia Winkler / Stephan Köperl
Josh von Staudach
Uli Bernhardt

 

harry
Harry Walter

“Stuttgarts Galgenbuckel”
Einführung in Ort und Thematik von Harry Walter in der Stuttgarter Zeitung vom 03.02.2013

 

 

Hellmut G. Haasis liest aus seinem Werk:  "Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß"

Hellmut G. Haasis liest aus seinem Werk:
“Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß”

 



Ulrich Wedlich, Gitarre

IMG_4067
Antje Jetzky, Tanz

 

 

 
Sylvia Winkler / Stephan Köperl

Die Hängung

Abschreckung und Machtdemonstration waren wohl die Motive der Interimsregierung, welche anno 1738, nach dem überraschenden Tod von Herzog Karl Alexander von Württemberg, dessen Hoffaktor erdrosseln ließ. Dem entsprechenden Urteil lagen weder Beweise zu Grunde, noch wurde eine Urteilsbegründung verlesen. Sechs Jahre lang hing der Leichnam des Justizopfers Joseph Süß Oppenheimer in einem eisernen, rot lackierten Käfig über der Stadt.

Über 200 Jahre später wurde in der neu gegründeten Bundesrepublik das Recht des Staates seinen BürgerInnen unter bestimmten Umständen das Leben zu nehmen abgeschafft — wenn auch gegen die Stimmen der Christlich Demokratischen Union. Das Recht von Eltern auf körperliche Züchtigung ihrer Kinder hatte dagegen noch bis ins Jahr 2000 bestand.

In dem kürzlich erschienenen Buch von Ingrid Müller-Münch “Die geprügelte Generation”, über das Kind-Sein in den 50er Jahren, ist zu lesen:

Sonja … kann mir noch nach all den Jahrzehnten genau beschreiben, wie so ein Rohrstock eigentlich aussah: »Er ist mehr als einen halben Meter lang, dünn, aus Rohr oder Bambus.«

Das Ritual der Misshandlung spielte sich immer gleich ab. Die Mutter sagte, wenn etwas schief gegangen war: »Du weißt ja, was jetzt passiert. Hol schon mal den Rohrstock.« …

Nach wie vor ist unsere Welt eine von durch Zwang konstituierten Subjekten erschaffene. Die fortschreitende Verfeinerung der Mittel, mit deren Hilfe Hierarchien erzeugt und aufrecht erhalten werden, vom alltäglichen Monitoring bis zur saloppen Ritalin-Verabreichung, schließt eine Regression hin zu “alt bewährten” Disziplinierungsmaßnahmen nicht aus.

Unter dem Slogan “Es gibt sie noch, die guten Dinge”, vertreibt der Otto-Konzern, der nur wenige hundert Meter von Oppenheimers Hinrichtungsstätte entfernt gerade 43.000 qm neue Shopping-Fläche errichten lässt, Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Deren besondere Qualität und Nachhaltigkeit wird einer liquiden retro-alternativen KäuferInnenschicht durch gravitätische Produktbeschreibungen angetragen. Im Sortiment von “Manufactum” findet sich denn auch ein besonders trauriges Beispiel zivilisatorischen Rückfalls, ein Rohrstock nämlich, zu dessen Beschreibung da steht:

Der Rohrstock

Die Jahre libertären Experimentierens ausgenommen, gehört der Rohrstock seit alters her zum Instrumentarium guter Erziehung.
Er schafft die notwendige Distanz zum Zögling und ist in seiner Symbolik eindeutig, weshalb verantwortungsvolle Eltern und Pädagogen niemals mit der bloßen Hand züchtigen sollten.

Produktinformation

Dieses Exemplar ist aus nachhaltig angebautem Bambusa Arundinacea geschnitten.
Das Rundleder der Hängeschlaufe stammt aus westfälischer Erzeugung.

 

Rohrstock
Es gibt sie noch…

josh
Josh von Staudach, Fotografie

IMG_4087
Ulrich Bernhardt
Hemd am Trockenplatz